VZ145 Handwerk und Hierarchien: Die Klassengesellschaft in der Statistik-Falle

avatar
Gordian
avatar
Jan

Zwischen Bierverkostung und Medizinstudien: Jan und Gordian diskutieren Bildungsmythen, warum Meister oft besser verdienen als Akademiker, und wie Statistik deutsche Klassenunterschiede unsichtbar macht – mit einer Spur Heiserkeit und viel Wahrhaftigkeit.


Bier, Stimme & Gesundheit

Die Episode beginnt charakteristisch mit einer Bierverkostung: Flensburger Winterbock in der 2-Liter-Flasche versus alkoholfreies Hazy IPA von Amundsen. Gordian leidet schon länger unter Heiserkeit. Diese gesundheitliche Unsicherheit wird zum persönlichen Anker für eine größere Diskussion über medizinische Datenerhebung.

Die Nationale Kohorte: Wissenschaft trifft Statistik

Ein faszinierender Zufall: Beide Moderatoren sind Teilnehmer der Nationalen Kohorte (NAKO) – einer Langzeitstudie mit 30.000 Bürger:innen in Deutschland, die körperliche Werte, kognitive Tests und sozialen Status erfasst. Gordian schildert die Tests anekdotisch: das Merken von zwölf Wörtern (fast wie bei Donald Trump’s berüchtigtem Cognitive Exam), das rückwärtige Aufsagen von Zahlenkombinationen.

Doch hier liegt das Kernproblem: Die Statistik erfasst zwar Schulabschluss der Eltern, nicht aber Berufsabschluss. Jans Vater war Ingenieur, starb aber früh. Sein Stiefvater hatte keinen akademischen Abschluss – doch die Statistik zählt ihn als Kind aus einem „Akademiker-Haushalt“, obwohl er vielmehr in einer Arbeiterfamilie aufwuchs. Eine der Grenze der Statistiken.

Handwerk vs. Akademiker: Ein Paradigmenwechsel

Dies führt zu einer zentralen These: Handwerksmeister verdienen heute oft mehr als Akademiker. Nicht wegen elitärer Positionen, sondern wegen Knappheit – es gibt Millionen Studienabsolventen, aber zu wenige Meister. Ein Meister kann seinen eigenen Betrieb führen, ausbilden, verhandelt von einer Position der Stärke. Generische Akademiker prügeln sich um wenige Jobs.

Die Diskussion deckt auf, wie deutsche Statistik und gesellschaftliche Wahrnehmung nach Herkunft, nicht nach Leistung unterscheiden. Anders als in Frankreich, England oder USA mit ihren Ivy League Schools, wo Dynastien transparent dominieren, fungiert deutsche Bildungsstatistik als unsichtbarer Klassifizierer. Meisterbrief wird gleichgesetzt mit handwerklicher Beschränkung, obwohl ein Meister heute oft mehr verdient und entscheidet als ein studierter Projektmanager.

Philosophie & Diskursanalyse: Die Kritik an der Schwachstelle

Am Ende der Episode wendet sich die Diskussion zur Diskursanalyse – einer Denkschule, die Jan bedauert. Sie ist „demokratisch“ geworden (alle können mitmachen) und dadurch schwach. Jan berichtet von einem Interview des Journalisten Tilo Jung (Jung & Naiv) mit Maximilian Krah (AfD), in dem Krah die „Übernahme durch Diskursanalyse“ bedauert. Hier zeigt sich eine Gefahr: Man kann mit Menschen, deren Haltung man ansonsten ablehnt, eine gemeinsame Abneigung oder Vorliebe haben.


In dieser Episode erfährst du:

  • Der statistische Fehler: Warum die Nationale Kohorte Jans Arbeiterkind-Hintergrund als „Akademiker-Haushalt“ klassifiziert – und was das über deutsche Statistik aussagt.
  • Handwerk schlägt Akademiker: Warum ein Meister heute oft bessere Chancen und höhere Einkommen hat als viele Universitätsabsolventen – und warum das deutsche Klassenbewusstsein das nicht sieht.
  • Bierverkostung mit Tiefgang: Wie der Geschmack eines Winterbocks sich mit Temperatur entwickelt und warum alkoholfreie IPAs unterschätzt sind.
  • Philosophische Warnung: Wie die Diskursanalyse als denkerische Mode zum Problem werden kann – wenn alles nur noch Konstruktion ist und nichts mehr evident.

Abonnier unseren Podcast hier oder auch auf Spotify, Apple oder in deiner Podcatcher-App, hinterlass uns gerne einen Like, teile diese Folge mit Freund:innen und erzähle uns in den Kommentaren auf YouTube oder auf Bluesky von deinen Geschichten vom Handwerk. Denn gute Geschichten beginnen beim Zuhören.

Folge auf Spotify: https://open.spotify.com/show/7kVdmMboEGhSOrZ5JeIRsj
Folge auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/de/podcast/von-zeit-zu-zeit-vzzzpodcast/id1455281628
Folge auf YouTube: https://www.youtube.com/@GordianScheuermann/podcasts
Diskutiert mit uns auf YouTube oder auf Bluesky: https://bsky.app/profile/vzzzpodcast.bsky.social

00:00 Biere der Woche: Flensburger Winterbock vs. Amundsen Hazy Peazy IPA
08:02 Die Stimme und die NAKO
18:14 Chancengleichheiten
25:07 Akademiker machen Akademiker-Studien
28:02 Autoritarismus Studie
31:01 Der Bias der Umfragen
34:58 Die Unbeweglichkeit des akademischen Betriebs
37:06 Gegen Genies verschwören und zerstören
42:50 Wissen und Handeln
54:16 Falsche Freunde
00:23 Steter Tropfen

VZK41 Kindheit auf dem Land und in der Stadt – zwischen Regeln und Rebellion

avatar
Gordian
avatar
Jan

Pudelmützen, Sperrmüll, die Verwandtschaft über die deutsch-deutsche Grenze hinweg und Kulturgeschichte – warum gesellschaftliche Konventionen für Kinder eine Lernerfahrung sind.

#vzzzPodcast Seite: https://vonzeitzuzeit.gordianus.de/2026/01/30/vzk41-kindheit-auf-dem-land-und-in-der-stadt-zwischen-regeln-und-rebellion/

Die Geschichte an der Ausfallstraße: Gesellschaftliche Konventionen und Reflexion

Eine Anekdote aus Gordians Kindergarten-Zeit macht nach der obligatorischen Bierverkostung den Auftakt: Die Kinder überquerten damals eigenständig die vierspurige B73 am Stadtrand mit ausgestreckter Hand – so wie sie es gerade im Verkehrsunterricht gelernt hatten. Die Ampel, hundert Meter weiter, wurde übersehen. Denn die Kinder hatten die Regel angewendet… Kinder lernen zuerst die gesellschaftlichen Konvention, versuchen sie anzuwenden, scheitern – und lernen dann, dass Konventionen vom Kontext abhängen.

Dorf vs. Stadtrand: „It takes a village to raise a child“

Gordian wuchs im Stadtrand auf, Jan in dörflicheren Verhältnissen. In Jans Dorf kannte jeder seinen Namen. Als er den Kindergarten verließ, musste er allein nach Hause – mit fünf Mark Taschengeld für den Imbis unterwegs. Nachbarn passten informell auf ihn auf. Das zitiert Hillary Clintons berühmten Satz: „It takes a village to raise a child“ – eine ganz andere Erziehungsform als die heutige isolierte Kernfamilie oder die überbehütete Stadtkindheit.

Schulwege, Sperrmüll und Raumschiffe

Nach der Kindergarten-Zeit war eines der größten Abenteuer der Grundschulzeit der Sperrmüll. Aus Armaturen werden Raumschiffe und andere Kreationen. Diese Phase der unbeobachteten, selbstgesteuerten Kreativität war prägend – während heutige Kinder viel stärker behütet werden, weil der Verkehr so zugenommen hat. Obwohl: Laut einer Statistik verunglückten in den 1980ern zehn mal mehr Kinder im Straßenverkehr tödlich als heute. Das widerspricht einem weit verbreiteten Gefühl: dass Kinder früher freier und ungefährlicher lebten.

Kulturgeschichte: Jugendmode, Cronenberg und die Beatles

Weiter geht es in die Jugend. Die Jugenderinnerungen führt uns dann weiter zu Jugendmode, Existenzialismus, Beatnik, William S. Burroughs und den Beatles. Burroughs lässt uns einen Abstecher zu seinem Werk Naked Lunch und der Verfilmung David Cronenbergs machen – ein Film mit surrealistischen, schleimigen Bildwelten, Käfern, die Schreibmaschinen sind, und außerirdischen Wesen. Abschließend betrachten wir den Beatles-Song „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und dessen kulturelle Bedeutung, einschließlich des Zusammenhangs zu den Red Baron und Flying Circus.


In dieser Episode erfährst du:

  • Die Verkehrsregel-Anekdote: Wie Kinder gesellschaftliche Regeln lernen, anwenden und am Kontext scheitern – und wachsen
  • Statistik trifft Gefühl: Die unbeobachtete, selbstgesteuerte Kreativität und Freiheit in den 1980ern? Warum es damals gefährlicher für Kinder war.
  • Village-Erziehung: Der Unterschied zwischen Dorf-Kindheit und Stadt-Kindheit
  • Cronenbergs Filmwelten: Was „Naked Lunch“ und andere seiner Filme zu so besonderen Kino-Erlebnissen macht
  • Kulturgeschichte: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, der Flying Circus des 1. Weltkriegs und die psychologische Wirkung von Kulturprodukten auf die Kindheit

Abonnier unseren Podcast hier oder auch auf Spotify, Apple oder auf Youtube, lass uns gerne einen Like da, teile diese Folge mit Freund:innen und erzähle uns in den Kommentaren auf Bluesky oder Youtube von deinen eigenen Abenteuern aus der Kindheit. Denn gute Geschichten beginnen beim Zuhören.

Folge auf Spotify: https://open.spotify.com/show/7kVdmMboEGhSOrZ5JeIRsj
Folge auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/de/podcast/von-zeit-zu-zeit-vzzzpodcast/id1455281628
Folge auf YouTube: https://www.youtube.com/@GordianScheuermann/podcasts
Diskutier mit uns auf Bluesky: https://bsky.app/profile/vzzzpodcast.bsky.social

00:00 – Bitburger Maibock & Dithhmarscher Naturtrüb
06:54 – Bier-Experimente
12:03 – Kindheits- und Kindergarten-Erinnerungen
20:00 – Unterwegs
24:02 – Andere Kinderwelten
28:11 – Existenzialisten
32:08 – Beatnik
43:03 – The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band

VZ143 Helden, Social Media und Jugend – Kultur im Wandel

avatar
Gordian
avatar
Jan

#vzzzPodcast-Seite: https://vonzeitzuzeit.gordianus.de/2025/12/19/vz143-helden-social-media-jugend-kultur-im-wandel/

Gordian und Jan diskutieren Heldenbilder, Social-Media-Dynamiken und gesellschaftliche Entwicklungen.

In Folge 143 des Podcasts „Von Zeit zu Zeit“ nehmen euch Gordian und Jan mit auf eine Reise durch antike Heldenbilder, moderne Social-Media-Kulturen und gesellschaftliche Veränderungen – von altgriechische Helden über Spider-Man bis hin zu TikTok und Bluesky – und der Frage, was Heldentum heute noch bedeutet.

Helden gestern und heute

Wir starten das Gespräch mit der berühmten Laokon-Gruppe aus der griechischen Mythologie und es entwickelt sich schnell zur Frage: Was macht einen Helden aus? Während antike Helden wie Theseus besondere Fähigkeiten hatten und sich gefährlichen Herausforderungen stellten, die oft tragisch endeten, funktionieren moderne Helden anders. Superhelden wie Spider-Man, Batman oder Superman tragen zwar noch tragische Elemente in sich, doch aktuelle Serienhelden setzen eher auf Inselbegabungen – fotografisches Gedächtnis, besondere Kombinationsgabe oder übernatürliche Kräfte – ohne die existenziellen Entscheidungen klassischer Heldenfiguren.

Wir diskutieren, wie Heldenbilder gesellschaftliche Zustände spiegeln: In den 1980ern stand der mühsame Aufstieg oder hartes Training im Vordergrund (Rocky), heute dominieren Charaktere, die ohne große Anstrengung anerkannt werden (wollen) – ein Spiegel unserer Kultur.​

Social Media, Bluesky und die Medienlandschaft

Ein zentraler Teil dieser Folge widmet sich der aktuellen Social-Media-Landschaft, insbesondere dem Aufstieg von Bluesky als Alternative zu Twitter/X und Facebook. Gordian reflektiert über die Verschmelzung seiner bisher getrennten Online-Communities und die Herausforderungen, die entstehen, wenn man plötzlich Bekannte aus verschiedenen Lebensbereichen auf einer Plattform trifft.

Wir beleuchten auch kritisch, wie Social Media funktioniert: Plattformen wie TikTok, Instagram oder Facebook kuratieren Inhalte algorithmisch, um Nutzer:innen möglichst lange zu binden – nicht um zu informieren. Die Frage nach Pressefreiheit, demokratischen Strukturen und der Rolle von Medien in einer zunehmend von Algorithmen gesteuerten Informationslandschaft zieht sich durch die Diskussion.​

Kulturelle Reflexion und gesellschaftlicher Wandel

Wir beginnen erst zum Ende hin mit unserer obligatorischen Bier-Verkostung und werfen anschließend noch einen Blick auf kulturelle Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, von der Reichseinigung Deutschlands 1871 und ihren Auswirkungen auf Frankreich bis hin zur Frage, ob wir in einer Phase des demokratischen Wachstums oder Rückschritts leben. Besonders spannend: die Diskussion darüber, wie Kunst und Medien gesellschaftliche Bedürfnisse widerspiegeln und wie unterschiedlich Demokratien weltweit funktionieren.​

Die Folge verbindet dabei große gesellschaftliche Fragen mit persönlichen Reflexionen – ein Format, das zeigt, wie Popkultur, Geschichte und Alltagsmomente zusammenhängen.


In dieser Episode erfährst du:

  • Warum antike und moderne Helden so unterschiedlich sind und was das über unsere Gesellschaft aussagt
  • Wie Social-Media-Plattformen wie Bluesky, TikTok und Co. unsere Informationskultur prägen
  • Welche Rolle Algorithmen bei der Kuratierung von Inhalten spielen und warum „Social Media“ nicht gleich „Medien“ ist
  • Warum Pressefreiheit und demokratische Strukturen in Zeiten von KI und Algorithmen neu gedacht werden müssen

Abonnier unseren Podcast hier oder auch auf Spotify, Apple oder Youtube, teile diese Folge mit Freund:innen und erzähle uns in den Kommentaren auf YouTube oder auf Bluesky von deinen Gedanken zu Helden in heutigen Geschichten. Denn gute Geschichten beginnen beim Zuhören.

Folge auf Spotify: https://open.spotify.com/show/7kVdmMboEGhSOrZ5JeIRsj
Folge auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/de/podcast/von-zeit-zu-zeit-vzzzpodcast/id1455281628
Folge auf YouTube: https://www.youtube.com/@GordianScheuermann/podcasts
Diskutiert mit uns auf YouTube oder auf Bluesky: https://bsky.app/profile/vzzzpodcast.bsky.social

00:00 – Antike Helden
08:23 – Vom Helden-Moment zum Helden-Feature
17:29 – Gesellschaftsspiegel
38:00 – Biere der Woche: Gara Guzu Summer IPA vs. Einbeker Mai-Urbock
45:50 – Volksweisheiten
55:48 – Jugend extrem

VZ137 Führer und Influencer

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZK31 Fehlerkulturen

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZ118 Fortschritt? Wofür? – Aufbruch? Wohin?

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZK07 Von Geistergeschichten und Punkgeschichten

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZ104 Der Krieg gegen Drogen

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZ102 Final Frontier Nordsee

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZ090 Kindheit auf dem Land und in der Stadt

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZ089 Die Suche nach dem Sinn

avatar
Gordian
avatar
Jan

VZ085 Interkulturelle Missverständnisse

avatar
Gordian
avatar
Jan

Senatsbock-Sessions: Wildwuchs und das Dilemma der Hamburger Brauereien

avatar
Gordian
avatar
Jan

Rundumberatung

avatar
Gordian
avatar
Jan

Senatsbock-Session: Kehrwieder und die Schwächen der Demokratie

avatar
Gordian
avatar
Jan